Ist Polo wirklich nur etwas für Schnösel?

Wer „Polo-Tunier“ hört, denkt an elegante Menschen, teure Pferde, ein elitäres Vergnügen. Dabei hat der Sport mehr zu bieten. Veranstaltungen wie der Maifeld Cup in Berlin sollen das beweisen.

Polo auf dem Berliner Maifeld – vor der imposanten Architektur des Olympiastadiums

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Ein paar Frauen tragen tatsächlich Hut. Dazu knielange Kleider, hohe Schuhe. Viele Herren haben ihre hellen Sommerhosen rausgesucht, dazu kombinieren sie Hemden von Ralph Lauren. Die Söhne haben ein bisschen Gel im Haar. Das Gras ist so grün, das es fast unecht wirkt. Und dann sind da plötzlich die Pferde, sie glänzen, und ihre Reiter tragen Helm und farbige, ja, Polo-Shirts und sehen genauso aus, wie man sie sich vorgestellt hat, nachdem man TV-Beiträge über Prinz Harry bei seinem Lieblingssport gesehen hat, oder über den Snow-Polo-Cup in St. Moritz.

Doch dieses Polo-Turnier nun, es findet in Berlin statt. Berlin mag einem, nach allem, was man von Berlin so hört, nicht als erstes als Polo-Metropole einfallen, doch man spielt Polo in und um Berlin, gut und gerne. Der Preußische Polo & Country Club Berlin-Brandenburg hat sich erfolgreich um die Ausrichtung der Polo Europameisterschaft 2016 beworben – und die Berliner sind Fans. Bis zu 20.000 kommen jährlich zum Maifeld am Olympiastadion, wenn Engel & Völkers den Maifeld Cup ausrichtet.

Am vergangenen Wochenende war es wieder so weit, und da machen die Zuschauer sich dann eben auch ein bisschen schick – so ein Polo-Turnier ist mehr als „nur“ eine Sportveranstaltung, etwas anderes als der Wochenendkick der örtlichen Fußballmannschaft. Die Inszenierung gehört dazu, auf dem Gelände werden teure Autos präsentiert, unter den Sponsoren ist ein Juwelier und eine Champagner-Marke. Diese Eindrücke prägen traditionell das Bild vom Polo.

Ein Rolls-Royce auf dem Platz, so viel Luxus muss dann doch sein

Und doch will die Szene nicht als elitärer Club gesehen werden. Der Sport wäre wirklich für jeden etwas, ob aktiv oder passiv, und ganz und gar nicht abgehoben – das hört man an diesem Nachmittag beim Maifeld Cup von Spielern oder Veranstaltern immer wieder. Und tatsächlich sind es wohl auch Filme wie „Pretty Woman“ und TV-Beiträge über polospielende Prinzen, die dieses Bild vom Polo entstehen ließen, das zwar auch, aber nicht komplett, der Realität entspricht. Das soll gezeigt werden, an Nachmittagen wie diesen. Zu denen nämlich jeder kommen darf und soll – die allermeisten Polo-Turniere sind öffentlich und kostenlos für das Publikum zugänglich.

Auch das High Goal Turnier hier in Berlin. Man wirbt mit „Spaß für die ganze Familie“, alles umsonst und draußen, es gibt Bratwurststände, eine Hüpfburg und Ponys zum Reiten für die Kinder. Und mit dem Olympiastadion eine eindrucksvolle Kulisse. „Das ist der beste Platz in Deutschland, um Polo zu spielen“, sagt Thomas Winter, der beste Polospieler Deutschlands, über das idyllische und gleichzeitig so imposante Maifeld. „Man denkt immer, zum Polo kämen nur reiche und superwichtige Leute, das ist aber gar nicht so“, sagt Winter, „Hier merkt man wirklich, dass die Besucher Spaß am Polo als Sport haben, dass sie sich interessieren. Und jubeln, wenn ein Tor fällt. Das ist uns auch wichtig, es macht Spaß vor solchen Leuten zu spielen.“

Aufräumen mit Vorurteilen

Und doch gibt es an diesem eindrucksvollen Platz einen zweiten Bereich, das VIP-Zelt, in dem das Essen für die Gäste von Köchen zubereitet wird und wo es dann doch ein bisschen mehr nach „Pretty Woman“ als nach Volksfest aussieht. Die Geladenen sind unter anderem Sponsoren und ihre Kunden – und sie sind eben wichtig für diesen Sport, der besonders von der Inszenierung solcher Veranstaltungen lebt.

Haben also Winter und seine Kollegen nicht immer wieder mit den Vorurteilen zu kämpfen, sie seien nur reiche und schlägerschwingende Schnösel? „Das kommt vor, wird zum Glück aber weniger“, sagt Winter. Viel mehr stört ihn aber eigentlich der Spruch, der dem Sport seine Sportlichkeit abspricht: „Man hört dann immer: Beim Polo, da laufen doch nur die Pferde“, erzählt er. Das sei nämlich auch Quatsch: „Ja, die Pferde werden zwischendurch ausgetauscht, weil sie wirklich viel leisten. Aber auch als Spieler ist man danach richtig fertig – der Sport ist physisch wahnsinnig fordernd.“ Im Winter spielt der Hamburger als Ausgleich auch viel Eishockey – „das ist zwar noch anstrengender, so ein Polo-Turnier kann da aber mithalten. Alle Muskeln im Körper werden beansprucht, der Kopf gefordert durch Taktik, Spielaufbau und Regelwerk.“

So geht Polo
  • Die Mannschaft
  • Die Spielzeit
  • Das Tor
  • Das Handicap
  • Das Zubehör
  • Das „Hooking“ oder „Sticken“
  • Der Seitenwechsel
  • Der „Throw-In“

Die Regeln sind wahrlich nicht einfach, ob jeder Besucher auf dem Maifeld sie verstanden hat? Wahrscheinlich nicht, wahrscheinlich ist auch deshalb das Drumherum noch ein bisschen wichtiger – „man muss sich schon konzentrieren, um bei dem Spiel richtig mitzukommen“, sagt Winter. „Da ist es schon gut, dass es hier auch gut zu essen gibt. Dann holt man sich eben mal was, wenn man nicht alles verstanden hat. Das ist schon okay.“ So betrachtet auch der ehemalige Kapitän der deutschen Polo-Nationalmannschaft seinen Sport auch als Event, ganz ohne Snobismus denen gegenüber, die vielleicht eher wegen der hübschen Kulisse kommen.

Seine Polo-Geschichte mag einem irgendwie prototypisch erscheinen: Der Vater selbst spielte Polo, die Mutter war Reitlehrerin, so konnten er und seine zwei Brüder gar nicht anders, als auch damit anzufangen. Doch er berichtet auch von Quereinsteigern: „Polo ist ein faszinierender Sport, das sieht gut aus – da kommen auch Menschen, die vorher nichts mit Reiten zu tun hatten.“

Und auch für Reiter, die sonst alleine unterwegs sind, birgt der Wechsel zum Polo einen neuen Reiz, ist es doch eine Mannschafts- und Ballsportart. „Die rasante Geschwindigkeit, das Prinzip eines Stocksports, das alles im Team, das ist einzigartig“, sagt Winter. Und doch, mit dem Polospielen fängt man nicht mal so eben an wie mit Tennis oder Fußball – kann der Sport es wirklich schaffen, sich massentauglicher zu entwickeln?

Nichts für Durchschnittspferdefreunde

„Jeder, der sich ein Pferd leisten kann, kann sich auch ein Polo-Pferd leisten“, sagt Winter. „Für einen Freizeitspieler reicht das.“ Und wo das schon eine Anschaffung ist, wird selbst dieses eine Pferd schnell zu wenig, je professioneller es wird. Wer auf Turnieren reiten möchte, kommt mit einem Tier nicht weit. Weil man in einem Spiel mehrere Pferde einsetzt, müsse man sich überlegen, ob man nicht irgendwann „ein paar mehr Pferde“ brauche, erklärt der Profi. Ideal wären vier. Da ist der Durchschnittspferdefreund wohl doch wieder schnell an seiner Grenze. „Das kommt alles auf das Niveau an, auf dem man spielen möchte“, sagt Winter.

Doch, und das ist gerade für Normalo-Einsteiger interessant, wird der Start in den Polo-Sport immer niedrigschwelliger, durch Reitschulen, die das Spiel lehren. Für Kinder gibt es Ferienkurse, für Erwachsene klassische Reitkurse – nur eben im Polo. Dafür braucht es gar kein eigenes Pferd. „So kann man erst mal rausfinden, ob dieser Sport überhaupt etwas für einen ist“, sagt Winter. Und wenn nicht, dann bleibt der Besuch bei den schönen Turnieren mit den Bratwurstständen.

Quelle: Ist Polo wirklich nur etwas für Schnösel?

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