Schnauze voll! Offener Brief eines 90-jährigen Wehrmachtssoldaten an Von der Leyen

Ursula Von der Leyen ist gerade drauf und dran, jede auch noch so kleine Erinnerung an die Wehrmacht aus dem Alltag der Bundeswehr zu verbannen. Sogar ein Bild des jungen Helmut Schmidt in Wehrmachtsuniform musste aus Kasernen weichen. Einem ehemaligen Wehrmachtssoldaten wird dieses Treiben nun zu bunt. In einem offenen Brief spricht er von der Fahndung nach Erinnerungen an die Wehrmacht als „kränkend, würdelos und beschämend.“

Er selbst ist mittlerweile 90 Jahre alt, diente als 15-Jähriger als Flakhelfer, später an der Ostfront, wo er sich mit seinen Kameraden der „Roten Armee“ entgegenstellte. Nachdem er verwundet wurde, musste er einige Zeit im Lazarett ausharren, bevor er zu den Fallschirmjägern nach Linz kommandiert wurde. Vier Wochen befand er sich in US-Kriegsgefangenschaft, die Folgen des Kriegs spürt er heute noch am eigenen Körper. Während seiner gesamten Zeit bei der Wehrmacht war er noch nicht einmal 18 Jahre alt.

In seinem offenen Brief an Von der Leyen spricht er zunächst seinen soldatischen Werdegang und Leidensweg an, legt dann einige Fakten offen, und gibt ihr zum Schluss noch sarkastisch-tragische „Verbesserungsvorschläge“ für die Bundeswehr.

Hier der gesamte offene Brief. Das Lesen lohnt sich:

Ich bin mit 90 Jahren einer der wenigen noch lebenden Wehrmacht-Soldaten und finde Ihre Fahndung nach “Devotionalien” der Wehrmacht kränkend, würdelos und beschämend. Was haben sie gegen die Wehrmacht und ihre Soldaten? In anderen Ländern werden die alt gewordenen Soldaten als Veteranen geachtet und geehrt. Auch die deutschen Soldaten sind nicht freiwillig in diesen schrecklichen Krieg gezogen. Sie haben alle ihre Pflicht erfüllt, sie haben ihre Kameraden sterben gesehen und ehrenvoll ihr Land verteidigt trotz Ausweglosigkeit und Todesfurcht.

(Von Harald W., Köln)

Ich mußte mit 15 Jahren als Flakhelfer erleben, wie eine Bombe beim zweiten Geschütz einschlug und sechs Freunde ums Leben kamen. Mit 17 Jahren mußte ich an der Ostfront als “Panzergrenadier” um mein Leben kämpfen mit einem Gewehr aus dem Jahr 1889, einer Panzerfaust und einer Handgranate. Deutsche Panzer haben wir nie bei uns gesehen. Und so bewaffnet sollten wir die rote Armee bei ihrem Vormarsch aufhalten. Das Heulen der Stalinorgel-Raketen bleibt unvergessen und ihre Detonationen rings herum sind der Grund dafür, daß ich noch heute bei jedem Geräusch schreckhaft zusammenzucke. Ich wurde verwundet, im Lazarett zusammengeflickt und wieder kv. geschrieben. Da meine Division in Schlesien aufgerieben wurde, hatte ich Glück und kam mit einem Marschbefehl zu den Fallschirmjägern nach Linz. Wenige Wochen später war ich US-Kriegsgefangener. Und vier Monate später mußte ich einen Vormund suchen, der meinen Vertrag als Werkzeugmacher-Lehrling unterschrieb, ich durfte das nicht, denn ich war noch nicht 18 Jahre alt. (Wir sind Vertriebene östlich der Oder, und mein Vater, Pfarrer, wurde beim Einmarsch der roten Armee erschossen).

In den letzten Jahren ist es Mode geworden, alle Wehrmachtsangehörigen zu verdächtigen, sie seien rechtsextremistisch eingestellt und verkappte Nazis gewesen. Tatsache ist, daß 1952 Offiziere und Mannschaften der Wehrmacht mit ihren Kenntnissen helfen mußten, die Bundeswehr aufzubauen. Der Generalinspekteur der Luftwaffe Steinhoff war ein hochdekorierter Jagdflieger, der Minister und Vizekanzler Mende trug bei festlichen Anlässen seine Wehrmachtsauszeichnungen und Bundeskanzler Schmidt und Bundespräsident von Weizsäcker waren Offiziere der Wehrmacht.

1952 hat der Bundeskanzler Konrad Adenauer vor dem Bundestag und im Namen der Bundesregierung eine Ehrenerklärung abgegeben für “alle Waffenträger unseres Volkes, die im Namen der hohen soldatischen Überlieferung ehrenhaft zu Lande, auf dem Wasser und in der Luft gekämpft haben.” Und zwei Wochen später hat Konrad Adenauer vor dem Bundestag diese Ehrenerklärung auch für die Angehörigen der Waffen-SS ausgesprochen,”soweit sie ausschließlich als Soldaten ehrenvoll für Deutschland gekämpft haben.” Eine solche Ehrenerklärung würde heute kein Politiker mehr aussprechen. Das ist beschämend, auch unter dem Aspekt, daß es tausende Frauen und Männer gibt, die als Kinder darunter gelitten haben, daß Ihr Vater nicht mehr nach Hause kommen konnte. In einigen Fällen konnten sie die Verbindung zum Vater wenigstens auf einem Soldatenfriedhof aufrecht erhalten.

Wenn Sie als Verteidigungsministerin daran interessiert sind, alle rechtsorientierten Tendenzen auszumerzen, und sogar fordern, in der Bundeswehrakademie in Hamburg ein Bild mit Bundeskanzler Helmuth Schmidt zu beseitigen, weil er in Wehrmachtsuniform zu sehen war, wollen Sie offensichtlich die Tradition zur Wehrmacht unterbinden.

Dann kann man Ihnen nur dringend empfehlen große Fotos von Soldatenfriedhöfen in den Kasernen aufhängen zu lassen. Damit würde zwar die Stimmung der Soldaten etwas beeinträchtigt, wenn sie konfrontiert werden mit Krieg und Heldentod. Diese Soldatenfriedhöfe würden auch einen guten Anlaß geben, darüber zu sprechen, daß diese Soldaten einem Regime gedient haben, dessen ursprüngliches Ziel es war, die durch den Vertrag von Versailles verlorenen deutschen Gebiete wieder zurückzugewinnen. Bei diesen Soldatenfriedhöfen – z.B. Seelower Höhe oder südlich von Küstrin (Kostrzyn) – sollte man mit einer zusätzlichen Statistik darauf hinweisen, daß die dort begrabenen Soldaten zu 60 Prozent erst 16 oder 17 oder 18 Jahre alt waren. Und Sie könnten dann argumentieren, das sei wieder ein Beweis, daß diese jungen Soldaten bei der HJ und als Flakhelfer durch die Nazi-Lieder beeinflußt wurden (?), z. B. durch das Lied “O Du schöner Westerwald, über deine Höhen pfeift der Wind so kalt, und jeder kleinste Sonnenschein dringt tief ins Herz hinein.” Und bei dem Lied “schwarzbraun ist die Haselnuß…schwarzbraun soll mein Mädel sein,”könne man kritisieren, es sei rassistisch. Es sei notwendig nach Ihrer Meinung diese Lieder für die Soldaten der Bundeswehr zu streichen. Und was ist mit dem Panzerlied, das auch auf dem Index steht, das von der Fremdenlegion gesungen wird? Ich habe es nie gehört, und bei der Wehrmacht wurde es nie gesungen.

Und was gibt es sonst noch an Traditionen, die von der Wehrmacht übernommen wurden und verboten werden könnten? Man kann Ihnen nur dringend empfehlen, daß der große Zapfenstreich abgeschafft werden sollte. Aber wie würden Sie dann scheidende Minister oder Bundespräsidenten ohne den Zapfenstreich verabschieden? Auch das Kommando “präsentiert das Gewehr” müßte dringend abgeschafft werden, es ist ausgesprochen preussisch. Da werden die Karabiner wie im Dritten Reich dem Offizier oder dem Ehrengast entgegengestreckt, ohne daß er eines der Gewehre wirklich kontrolliert. Das gehört zur Tradition der Wehrmacht. Und wie schaut es aus mit dem Gelöbnis – früher Vereidigung – der Rekruten? Da wird die Hand eines ausgewählten jungen Soldaten auf die Fahne gelegt. Aber was bedeutet die Fahne für die jungen Soldaten in dieser Zeit?

Abgeschafft werden sollte auch dringend der Schellenbaum der Militärkapelle. Denn ausländische Gäste könnten denken, das sei ein Ehrenzeichen der Truppe, bei dem man salutieren muß. Außerdem marschiert bei den Militärkapellen vornweg der Spielmannszug mit dem Tambourmajor, der den mit Bändern dekorierten Tambourstab rhytmisch in die Höhe stößt und manchmal zur Seite schwenkt, wenn die Marschrichtung nach links oder rechts verändert werden soll. Da würde doch ein schlichter schlanker Dirigentenstab genügen. Dann würde das ganze nicht so sehr an die Wehrmacht erinnern.

Wenn man weiter darüber nachdenken würde, dann könnte man Ihnen noch viele Vorschläge unterbreiten mit denen Traditionsbräuche der Wehrmacht abgeschafft werden können. Aber ob das von der Bundeswehr und von den Bürgern begrüßt oder mit kritischen Bemerkungen kommentiert wird, das sollten Sie gründlich abwägen.

Quelle: Unser Mitteleuropa

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